Wasserbauliche Maßnahmen an unseren Gewässern finden immer häufiger in einem Spannungsfeld zwischen den unterschiedlichsten Ansprüchen und Nutzungen statt. Deutlich wird dies z.B. in jüngster Zeit durch die Diskussion eines zeitgemäßen Hochwasserschutzes nach den Erfahrungen mit dem Elbe – Hochwasser (2002) und dem Oder – Hochwasser (1997).
Die Hochwasser der vergangenen Jahre haben für große Teile der Bevölkerung das Interesse für einen zeitgemäßen Wasserbau und Konzepte des Wassermanagements geweckt. So wichtig die Diskussion auch ist, offenbart sie zunächst auch ein großes Informationsdefizit. So erinnert manche Überzeugung oder Vorschlag eher an einen Glaubenskrieg, als dass sie sich wissenschaftlich wirklich begründen ließe.
Es zeigt sich, dass wir erst am Anfang einer stehen Diskussion stehen, die weit über den Hochwasserschutz hinausgeht: „Wie können wir unsere Kulturlandschaft den Ansprüchen des 21. Jahrhunderts anpassen und dabei schonend und nachhaltig mit unseren Ressourcen umgehen und sie entwickeln, um sie für nachfolgende Generationen zu erhalten?“

- Abbildung 1.11.: Oberlauf eines Flusses
Die Ingenieurbiologie kann ihren Teil dazu beitragen. Als „sanfte“ Technik, die ganz gezielt die Natur als Werkstoff einsetzt, ist sie wegweisend für eine nachhaltige und ressourcenschonende Entwicklung unserer Kulturlandschaft.
Dabei kann Ingenieurbiologie nicht mit Naturschutz gleichgesetzt werden. Naturschutz hat als Habitatschutz einen umfassenden Anspruch. Die Ingenieurbiologie arbeitet dagegen zielgerichtet. Ingenieurbiologischen Überlegungen liegt stets eine konkrete Aufgabenstellung zugrunde, die es zu lösen gilt.
Ingenieurbiologische Sicherungsbauten können an vielen Stellen einhergehen mit einer Verbesserung der ökologischen Situation. In diesem Sinne sind sie z.B. durch die Schaffung von Röhrichten auch im Sinne des Naturschutzes. Im Einzelfall kann die Ingenieurbiologie aber auch zu Werkstoffen (hier z.B. Pflanzengesellschaften) greifen, die zunächst zweckdienlich (Sicherung eines Ufers) sind, aber nicht den langfristigen landschaftspflegerischen Vorstellungen entsprechen.
Hier sind übergeordnete Konzepte der Landschaftsentwicklung und Raumordnung notwendig, die für eine Region entsprechende Leitbilder formulieren.
Landschaftspflegerische Leitbilder sind bereits für viele Regionen Deutschlands auf Grundlage von Biotopkartierungen entwickelt worden. Für deren Umsetzung werden unterschiedliche Strategien oder Techniken angewendet. So sind für den naturnahen Wasserbau Schlagworte wie „Uferrandstreifenprogramm“ oder „Entfesselung von Fließgewässern“ zu nennen.
Die Uferrandstreifenprogramme der einzelnen Bundesländer haben dabei erstmals wieder den Zusammenhang des jeweiligen Fließgewässers mit seiner Aue wieder in das Bewusstsein gebracht. Fließgerinne und Aue gehören zusammen; die Aue ist Teil des Gerinnes, wird aber nur zeitweilig und meist kurzfristig für den Abfluss genutzt.
Schwachpunkt der Ausweisung von Uferrandstreifen ist die willkürliche Festlegung der Grenze zwischen hier sich entwickelndem Auenbiotop und dort landwirtschaftlicher Nutzung auf dräniertem Boden. Dazu kommt, dass infolge Tiefenerosion in den letzten Jahrzehnten sich viele Fließgewässer nach unten von ihren Auen entfernt haben. Deren Ufer sind sehr steil und oft nicht mehr standfest. Sie brechen ab und liefern erheblich mehr Suspensionsfracht als unter naturnahen Bedingungen.
Wo Uferrandstreifen ausgewiesen werden, steht Platz zur Verfügung, der eine „Entfesselung des Fließgewässers“ zulässt. Damit ist gemeint, dass in diesen Abschnitten, z.B. abgängige Ufersicherungen nicht mehr erneuert werden bzw. Ufersicherungen ganz geschleift werden.
Dabei muss aber sehr umsichtig und behutsam vorgegangen werden. Es besteht sonst die Gefahr, dass sich durch Uferabbrüche der Geschiebehaushalt des Flusses entscheidend verändert. Die Forderung, Fließgewässern zumindest in Abschnitten ihren freien Lauf zu lassen, wird oft mit dem Argument erhoben, dass uniforme Querprofile sich auf diese Weise naturnah verändern und die Biodiversität des Gewässers gesteigert wird.
Oftmals werden die Folgen für die Sicherstellung des schadfreien Abflusses und den Geschiebehaushalt unterschätzt. Das folgende Beispiel macht deshalb deutlich, wie sich bereits kleine Veränderungen an einem Fließgewässer langfristig und nachhaltig niederschlagen:
Fallbeispiel
Ein homogenes Substrat und eine ausreichend lange Entwicklungszeit vorausgesetzt, entwickeln Fließgewässer in Mitteleuropa ein gestreckt – konkaves Längsprofil. Der größte Teil der Reliefenergie wird im Oberlauf überwunden, das Sohlgefälle nimmt zur Mündung hin ab.
Unter natürlichen Bedingungen weichen infolge Tektonik und unterschiedlicher Gesteinsresistenzen Teilbereiche der Gerinne von diesem Idealbild ab:
Aufeinanderfolgende Erosions- und Akkumulationsstrecken sowie Gleichgewichtsabschnitte bilden ein komplexes System, auf das sich das jeweilig obenliegende Einzugsgebiet einstellt.

- Abbildung 1.1.2: Flussabschnitt im Flachland
Im Durchschnitt haben die holozänen Fließgewässer des norddeutschen Tieflands ein Längsgefälle von etwa 0,3 ‰ entwickelt. Die Auen und die Hänge sind von Wald bestanden, Niederschlagswasser fließt nicht oberflächlich ab, sondern versickert im Boden. Die Speisung der Gerinne erfolgt über das Grundwasser, Hochwasserwellen treten zeitlich verzögert auf, extreme Hochwasserspitzen fehlen. Suspensions- und Bodenfracht der Fließgewässer sind sehr gering; Geomorphologische Aktivität findet nur entlang des Gerinnebetts statt.
Im Laufe des Holozäns sind bis zur Entstehung der heutigen Kulturlandschaft Fließgewässer und ihre Einzugsgebiete auf vielfältige Weise verändert worden.
Rodungen seit dem Neolithikum aber vor allem im Mittelalter und in der Neuzeit haben zu Bodenerosion und zur Ablagerung von Hochflutsedimenten (Auenlehm) geführt.
Mit fortschreitender technischer Entwicklung sind die Einzugsgebiete und die Gerinne selber verändert worden. Besonders die Flussbegradigungen und in jüngerer Vergangenheit die zunehmende Versiegelung der Landschaft haben die Fließgewässer destabilisiert.
Die daraus resultierende, verstärkte Geomorphodynamik wird durch folgendes Beispiel verdeutlicht:
Ein kleiner Fluss wird an einer Stelle zu einem Mühlteich aufgestaut. Im Gerinne entsteht dadurch eine lokale Erosionsbasis, auf die sich das gesamte obenliegende Einzugsgebiet, hin zu einem neuen Gleichgewichtsprofil, einstellen wird. Die Lauflänge des Bachs bis zur Erosionsbasis hat sich verkürzt; im neuen Unterlauf werden Sedimentation und Lateralerosion zu beobachten sein. Von hier aus wandert eine Erosionsstufe langsam bachaufwärts. Infolge der Laufverkürzung wird der Bach im Oberlauf verstärkt Tiefenerosion zeigen, das Längsprofil versteilt sich insgesamt.
Ohne eine weitere Störung des Systems kann sich nach einigen Jahrhunderten erneut ein Gleichgewichtszustand einstellen.
Es wird deutlich, dass bereits einzelne Eingriffe in das komplexe System „Fließgewässer“ weitreichende Folgen haben. Sich überlagernde und anhaltende anthropogene Veränderungen führen zu dem Ungleichgewicht, in dem sich viele unserer Fließgewässer heute befinden.
Aus diesem Grund ist eine „Renaturierung“ von Fließgewässern immer von der Vorgabe eines Leitbilds abhängig, welches den historischen Zustand oder die Zielvorstellung beschreibt in die ein Fließgewässer entwickelt werden soll.
An dieser Stelle kann die Ingenieurbiologie ansetzen und beitragen, das Entwicklungsziel eines Gewässers zu erreichen. Sie kann aber an keiner Stelle die Entwicklung eines Leitbildes ersetzen.
In Bereichen, in denen keine Entwicklungsvorgaben existieren wird sich die Ingenieurbiologie an einer Erhöhung der Biodiversität orientieren. Durch lenkende Maßnahmen oder die natürliche Sukzession ist hier auch nachtäglich eine Lenkung möglich.

- Abbildung 1.1.3: Natürliche und anthropogen Einflussfaktoren auf die
Erosions-Sedimentations-Dynamik eines Fließgewässers.
Die Ingenieurbiologie nutzt erfolgreich z.T. Jahrhunderte alte Techniken zum Befestigen von Uferböschungen oder Erosionshängen. Die klassische Ingenieurbiologie basiert vorwiegend auf Verwendung von Materialien wie Weidenruten, Röhrichtsoden, Totholz, biogenen Goetextilien oder Schüttsteinen.
Die Techniken der klassischen Ingenieurbiologie haben sich über viele Jahrzehnte bewährt. Ein wesentlicher Vorteil ist, dass einige der Ausgangsstoffe einfach und vielfach auch günstig zu erwerben sind.
Die Sicherungselemente der klassischen Ingenieurbiologie werden in der Regel vor Ort hergestellt und sofort eingebaut. Je Art des Vorhabens und der verwendeten Bauweise können die Sicherungsarbeiten auf der Baustelle mit einem erheblichen Arbeitsaufwand verbunden sein und erfordern in der Regel ein hohes Fachwissen.
Die Anwendbarkeit ingenieurbiologischer Techniken ist somit oftmals nur von spezialisierten Fachbetrieben zu leisten. Werden Ufersicherungen mit Weidenruten ausgeführt ist man ferner auf die Zeit der Vegetationsruhe beschränkt. Dies sind in der Regel aber auch die wettermäßig unbeständigsten Monate mit häufigen Niederschlägen und Hochwassern, die ein Arbeiten an Gewässern verhindern oder zumindest erschweren.
Die Kenntnis der wichtigsten Bauweisen und Techniken der klassischen Ingenieurbiologie bildet das Grundgerüst für Sicherungsarbeiten, egal ob im Wasserbau oder im Erdbau.
Einen Überblick über diese Techniken hat in jüngster Zeit ZEH (Ingenieurbiologie – Handbuch Bautypen, 2007) gegeben.
Ergänzend und in Erweiterung zur klassischen Ingenieurbiologie hat sich ab etwa 1980 in der Hydro – Ingenieurbiologie eine neue Herangehensweise an die ingenieurbiologischen Fragen entwickelt.
Grundgedanke der System – Ingenieurbiologie ist, mit fertigen Vegetations- und Sicherungssystemen den entscheidenden Entwicklungsschritt des Anwuchses unter optimalen und kontrollierten Bedingungen in speziellen Anzuchtstätten durchzuführen.
Die System – Ingenieurbiologie nutzt deshalb verstärkt modulare, vorkonfektionierten Bausysteme wie z.B. Röhrichtwalzen oder Röhrichtmatten mit bereits voll entwickelten Röhrichtbeständen. Nicht zuletzt durch die hohe Erfolgssicherheit finden die system – ingenieurbiologischen Techniken in den letzten Jahren eine immer weitere Verbreitung.
Ebenfalls wird versucht, neue organische Baustoffe in unterschiedlichen Aufbereitungsformen als Hilfsstoffe zu integrieren. So wurde es möglich, in Bereichen mit hohen hydraulischen Belastungen (für die es bislang nur massive, nicht vegetationsfreundliche Schutzmaßnahmen gab), Lösungen zu finden, die Forderungen nach Durchgängigkeit, Begrünbarkeit, Erhöhung der Selbstreinigungskräft u.ä. einzulösen vermögen.
Dabei stehen beide Ansätze keineswegs in Konkurrenz zueinander sondern ergänzen sich je nach Aufgabenstellung sinnvoll. Für den Planer und Anwender haben sich durch die Entwicklung der System – Ingenieurbiologie die Möglichkeiten zur Projektierung von geeigneten Sicherungsmaßnahmen erheblich erweitert und verbessert. Während viele Techniken der klassischen Ingenieurbiologie auf die Zeit der Vegetationsperiode beschränkt sind, ermöglicht die System – Ingenieurbiologie ein quasi ganzjähriges Arbeiten.
Die Vergleiche in den Tabellen 2.0.1. und 2.0.2 stellen exemplarisch ausgewählte Bauweisen beider Zweige der Ingenieurbiologie gegenüber (Angaben zu den klassischen Bauweisen nach ZEH, 2007):
Dabei wird deutlich, dass gerade in Zeiten hohen Kostendrucks und effektivem und schnellem Abwickeln einer Baustelle die Verfahren der System - Ingenieurbiologie Vorteile aufweisen können. Dies ist vor allem auf die zeit- und damit kostenintensive Handarbeit bei Herstellen der klassischen Sicherungssysteme vor Ort zurückzuführen, zumal diese oftmals auch unter ungünstigen äußeren Bedingungen aus einzelnen Komponenten zusammenzufügen sind.
| |
Klassische Ingenieurbiologie |
System - Ingenieurbiologie |
| |
Drahtschotterwalze |
Steinwalze |
| Herstellung |
Vor Ort |
vorkonfektioniert |
| Benötigtes Material |
Drahtgeflecht (5 cm Maschenweite, ca. 1 m Breite für 30 cm Durchmesser), Bindedraht, Steine (15 – 30 cm Durchmesser), Pfähle |
Fertige Steinwalze aus Natursteinen in PE – Netzschlauch (ca. 5 cm Maschenweite), Pfähle |
| Arbeitszeit |
Ca. 20 min / m |
Ca. 10 min / m |
| Kosten |
Je nach Dicke 30 - 50 € / m |
Ca. 20 € / m inkl. Verlegen (30 cm Durchmesser) |
Tabelle 1.2.1: Vergleich Drahtschotterwalze - Steinwalze
| |
Klassische Ingenieurbiologie |
System - Ingenieurbiologie |
| |
Vegetationswalze |
Röhrichtwalze |
| Herstellung |
Vor Ort |
vorkonfektioniert |
| Benötigtes Material |
Reißfeste Geotextilien aus Naturfaser, krautige Uferstauden, Transplantate, Reisig, anstehenden Oberboden, Pfähle |
Fertige Röhrichtwalze aus Kokosfaser in PPM – Netzschlauch (ca. 5 cm Maschenweite), vorkultiviert mit 10 St. Röhrichtpflanzen / m (bei 30 cm Durchmesser), Pfähle |
| Einbauzeit |
Vegetationsruhe oder Anfang der Vegetationsperiode |
Ganzjährig bei frostfreiem Wetter |
| Arbeitszeit |
Ca. 30 min / m |
Ca. 10 - 15 min / m |
| Kosten |
Ca. 30 – 50 € / m (vor Ort hergestellt) |
Ca. 20 € /m inkl. Verlegen (30 cm Durchmesser) |
Tabelle 1.2.2: Vergleich Vegetationswalze - Röhrichtwalze
Wie die Tabellen zeigen, bietet die System – Ingenieurbiologie sich für Planer und Anwender eine Reihe von Vorteilen: Einfacher Kalkulierbarkeit, schnelle Baustellenabwicklung, ganzjährige Verfügbarkeit, hohe Erfolgssicherheit, Kostenersparnis.
Gerade die Nutzung vorkultivierter Systeme wie Röhrichtmatten oder Röhrichtwalzen bietet besonders bei Verwendung außerhalb der Vegetationsperiode einen wichtigen Entwicklungsvorsprung und ermöglicht eine Erfolgssicherheit, die sonst oftmals nur mit hohem technischen Aufwand erzielt werden kann.
Inzwischen hat sich die System – Ingenieurbiologie zu einem eigenständigen und internationalen Arbeitsfeld entwickelt. Nicht zuletzt die Gründung der European Soil & Water Engineering Group (ESWEG, 2006) zeigen das internationale Interesse und den Bedarf an der Entwicklung und Anwendung modularer Systeme für Aufgaben im Erosionsschutz und in der Behandlung der Wasserqualität.
Ein Abbruchufer soll mit ingenieurbiologischen Techniken gesichert werden. Bei der Entwicklung eines geeigneten Sicherungskonzepts ist frühzeitig eine grundlegende Entscheidung zu treffen:
„Soll das Ufer mit Gehölzen oder mit Röhricht gesichert werden?“
Diese Frage muss im Rahmen der konzeptionellen Planung beantwortet werden. Dabei sind Aspekte des Arten- und Biotopschutzes, des landschaftspflegerischen Leitbildes oder evt. historischer Vorbilder besonders zu berücksichtigen.
Auf Grundlage dieser Entscheidung wird eine geeignete Sicherungstechnik ausgewählt und den Standortbedingungen entsprechend dimensioniert und angepasst.
Die oben zu treffende Entscheidung ist zunächst bewusst als „Oder“ – Frage formuliert, um die grundsätzlichen Unterschiede der ufersichernden Wirkungsweise von Röhricht und Gehölzen herauszuarbeiten:
Geschlossene Röhrichtbestände weisen einen Bodenbedeckungsgrad von 100 % auf. Die Wurzel und Rhizome wirken vollflächig als Bodenanker, verklammern das Ufer und schützen es vor Erosion.
Die einzelne Pflanze entwickelt ihre optimale bodenfestigende Wirkung in einem dichten Bestand mit anderen. Bedingt durch die vergleichsweise niedrige und homogene Wuchshöhe innerhalb einer Art treten keine Wuchshemmungen z.B. durch Lichtkonkurrenz auf. Röhrichte bilden stabile Pflanzengesellschaften, die an vielen Standorten auch Schlussgesellschaften sind.

- Abbildung 1.3.1: Abbildung 2.1.1: Kräftige Entwicklung der
Pflanzen schon im ersten Jahr der PflanzungAbbildung 2.1.1: Kräftige Entwicklung der
Pflanzen schon im ersten Jahr der PflanzungSchilfröhricht als Uferschutz an einem See
Dagegen weisen Gehölze zum Zeitpunkt der Pflanzung einen Bodenbedeckungsgrad von < 10 % auf. In Abhängigkeit von der Art entwickeln sie einen flächigen und tiefgründigen Bodenschutz erst Jahre später. Bis dahin muss der eigentliche Uferschutz durch technische Baustoffe (z.B. Steinschüttung) übernommen werden.
Um schneller eine größere Bodenbedeckung zu erzielen, können Gehölze dichter gepflanzt werden. Artenabhängig kann es dann aber rasch zur Lichtkonkurrenz unter den einzelnen Individuen kommen. Ergebnis sind dann, - besonders bei Weiden - dichte, in die Höhe geschossene Bestände, die keinerlei Unterwuchs zulassen.
Für die Entwicklung eines ufersichernden Gehölzbestands sind deshalb Pflegemaßnahmen wie regelmäßiges Auslichten unerlässlich.
Eine ingenieurbiologische Ufersicherung ist nur dann auf Dauer wirksam, wenn die verwendeten Pflanzen das Ufer tiefgründig durchwurzeln und festhalten. Dazu ist es notwendig, dass Pflanzen verwendet werden, deren Wurzeln dauerhaft unter dem Mittelwasserspiegel wachsen können.
Eine Reihe von Röhrichtarten sind dazu in der Lage, so z.B. Carex acutiformis (Sumpf – Segge) oder Phragmites communis (Schilfrohr). Unter den in Mitteleuropa heimischen Gehölzen ist es allein Alnus glutinosa (Schwarz- oder Roterle), deren Wurzeln palisadenartig unter den Wasserspiegel wachsen. Daneben bildet Alnus glutinosa oberhalb des Wasserspiegels flache Wurzelteller aus.
Die vielfach für Ufersicherungen benutzten Weiden (Salix spec.) sind dazu nicht in der Lage. Sie bilden den Hauptteil ihrer Wurzeln oberhalb des Wasserspiegels und sind besonders bei schwankenden Wasserständen unterspülungsgefährdet.
Röhrichte besitzen durch ihre Rhizome und Ausläufer ein hohes Regenerationspotential. Sowohl Weiden als auch Erlen können aus dem Stock ausschlagen und verfügen deshalb ebenfalls über ein hohes Regenerationspotential. Bei neugepflanzten Bäumen (Heister) muss sich dieses aber erst im Laufe der Zeit entwickeln.
Sowohl Röhricht als auch Gehölze sind wertvolle landschaftsökologische Strukturelemente, die es zu erhalten und zu entwickeln gilt. Sie sind Lebens- und Bruthabitat für eine Reihe von Tierarten. Schließlich verfügen sowohl ein Auwald als auch ein Röhrichtgürtel über ein enormes Wasserretentionsvermögen und haben eine große hochwasserdämpfende Wirkung.
| |
|
Röhricht (in einer Röhrichtmatte) |
Gehölze (als einjährige Heister) |
 |
Bodenbedeckung |
sofort 100 % |
≤ 10 % |
| Durchwurzelung |
Wurzelfilz im Oberboden |
punktuell im Oberboden |
| Durchwurzelung unter MW – Spiegel |
div. Röhrichtarten |
nur Schwarzerle (Alnus glutinosa) |
| Regeneration-Vermögen |
hoch (Ausläufer und Rhizome) |
mittel |
| Natürliches Landschaftselement |
ja |
ja, in Verbindung mit zugehöriger Krautschicht |
| Artenvielfalt |
hoch |
potentiell hoch |
| Wasserretentions-Vermögen |
groß |
zunächst gering |
 |
Bodenbedeckung |
100 % |
100 % nach Kronenschluss |
| Durchwurzelung |
dichter Wurzelfilz im Oberboden, artabhängig bis ca. 60 cm Tiefe |
tiefgründige Durchwurzelung (bei Alnus glutinosa) |
| Durchwurzelung unter MW – Spiegel |
div. Röhrichtarten |
nur Schwarzerle (Alnus glutinosa) |
| Regeneration-Vermögen |
sehr hoch (Ausläufer und Rhizome) |
hoch (Stockausschlag) |
| Natürliches Landschaftselement |
ja |
ja |
| Artenvielfalt |
hoch |
hoch |
| Wasserretentions-Vermögen |
sehr groß |
sehr groß |
| Ökologische Amplitude |
groß, Verdrängung durch Beschattung |
sehr groß, Nahezu alle Standorte |
Tabelle 1.3.1: Röhricht und Gehölze im Vergleich
Aus den dargelegten Gründen sollte die eingangs gestellte Frage so beantwortet werden, dass, sofern keine anderen Vorgaben eine Richtung vorgeben, die sicherungstechnisch zuverlässigste Lösung zur Ausführung kommt.
Das folgende Beispiel zeigt, dass die Entscheidung für eine Variante nicht die Ablehnung der anderen bedeuten muss: So kann es zum Beispiel sinnvoll sein, ein Abbruchufer, das langfristig mit Erlen gesichert werden soll zunächst mit Röhrichtwalzen zu fixieren. Im Schutz dieser Ammenpflanzung werden dann Erlen gepflanzt. Das Röhricht übernimmt an dieser Stelle die Aufgabe eines temporären Erosionsschutzes, der durch Lichtkonkurrenz mit den wachsenden Erlen langsam schwächer wird. Nach und nach übernehmen die Bäume die Ufersicherung. Dieses Verfahren ist ökologisch sinnvoll, weil es der natürlichen Sukzession nachempfunden ist. Darüber hinaus hat es ökonomische Vorteile, weil das kostenintensive Auslichten bis zum Kronenschluss der Erlen nicht notwendig ist.
In diesem Beispiel wird bewusst die eingeschränkte Schattenverträglichkeit ingenieurbiologisch bedeutsamer Röhrichtarten genutzt, um eine gelenkte Entwicklung einzuleiten.
Berücksichtig man die Wuchscharakteristika von Gehölzen in den ersten Jahren, kommt man zu folgendem Schluss:
Für eine naturnahe, sofortige Festlegung von Abbruchufern sind Röhrichte den Gehölzen überlegen und sollten den Vorzug erhalten.
Auf Grundlage des landschaftspflegerisches Leitbildes ist dann zu entscheiden, ob der Standort langfristig durch Röhricht oder durch Gehölze gesichert werden soll.
Arbeitet man mit Röhrichten, so hat man beide Optionen bei einem sofortigen zuverlässigen Uferschutz. Nicht zuletzt dies ist einer der Gründe, warum wir unsere ingenieurbiologischen Pflanzensysteme auf der Verwendung von Röhrichten aufgebaut haben.
Dieser Ansatz hat sich in der Praxis bewährt und ist auf die meisten Standorte anwendbar. Ausgeschlossen hiervon sind lediglich Gerinne mit extrem hoher Schleppspannung in Verbindung mit hohem Grobgeschiebetrieb:
Fließabschnitte mit diesen Charakteristika sind in Mitteleuropa natürlich nur entlang der Oberläufe der Mittel- und Hochgebirgsfließgewässer und an Wildbächen zu finden. Hier wird man, nicht zuletzt aus klimatischen Gründen, mit Gehölzen in Verbindung mit groben Steinschüttungen arbeiten.